Menü

Kormoran und Fischartenschutz

Zusammenfassung eines Seminars

Kormoranbericht 2016/2017

Bericht zur Vergrämung von Kormoranen im Winter 2016/17

mehr

Man hört viele unterschiedliche kontroverse Aussagen von verschiedenen Interessengruppen wie Vogelbeobachter, Ornithologen, Naturschützer, Fischer, Angler und Jäger über die Zahlen der vorhandenen Kormorane, die Menge, Art und Größe der Fische, die sie fressen, wie viele Vögel jährlich geschossen werden, ob Abschüsse bei der Bestandskontrolle notwendig oder wirkungsvoll sind und ob es Managementalternativen gibt.

Sich widersprechende, meist subjektive Ansichten verschlimmern unweigerlich die Kontroverse, führen aber nicht zu Lösungen. Objektive, wissenschaftliche Untersuchungen über den Kormoran sind die Grundlage für eine objektivere Diskussion über diese Probleme. Auch unter den Mitgliedern des WAV gab und gibt es zum Teil heiße Diskussion über die Kormoranproblematik. Vermutlich aber wohl auch hier oft ohne erforderliches Basiswissen.

So passte es gut, dass am 16. Februar 2008 der Landesfischereiverband Baden-Württemberg ein Seminar mit und zu diesem Thema veranstaltete. Jochen Rüdenauer und ich waren für den Verein als Teilnehmer vor Ort.

Nachfolgend eine Zusammenfassung des insgesamt 8 Stunden dauernden Programms, welches von Herrn Thijlbert Strubelt, Ministerium für Ernährung und Ländlicher Raum Baden-Württemberg, hervorragend moderiert wurde.

Zur Einführung stellte Herr Prof. Dr. Knösche, Falkensee, nach Begrüßung durch Herrn Wolfgang Reuther, Präsident Landesfischereiverband Baden-Württemberg e.V. in einem Grundlagenvortrag die Räuber-Beute-Verhältnisse und Relevanz für die Beziehung Kormoran und Fische dar. Dabei sollte gezeigt und geklärt werden, ob der Kormoran ein Regulativ oder eine Gefahr für die Fischbestände darstellt.

Der bei uns vorkommende und durch Schutzmaßnahmen angesiedelte asiatische Kormoran (Phalacrocorax carbo sinensis) ist im Gegensatz z. B. zu Reihern oder Störchen ein strenger Nahrungsspezialist. d. h. er ernährt sich ausschließlich von Fischen, wobei man von einem durchschnittlichen Fischbedarf von etwa 500 gr. / Tag und Vogel ausgeht. Aus der geschätzten Zahl der Kormorane in Deutschland, sie bewegt sich zwischen 900 000 und 1,6 Mio., hat man errechnet, dass diese Menge etwa 1/5 oder18 % des Fischkonsums der Deutschen entspricht. Tendenz steigend. Die Zeit, welche ein Kormoran für die Jagd auf Fische braucht, wird auf etwa 15 bis 45 Minuten täglich beziffert.

Dabei ist er, wohl durch seine gesellige Lebensweise begünstigt, auch lernfähig. So wurde beobachtet, dass er neuerdings in flacherem Wasser Steine umdreht, um nach Gründlingen und Groppen zu suchen.

Anhand von Untersuchungen, verschiedenen Tabellen und Bildern wurde gezeigt, dass der Kormoran überwiegend mittlere bis große Fische (bis 750 gr.) erbeutet. Daraus ergibt sich, dass es zu einem Einbruch beim Mittelbau der Fischpopulation in den beflogenen Gewässern kommt. Wobei weniger begünstigte Fischarten besonders leiden, vor allem, weil der Kormoran ja nicht zwischen gefährdeten und nicht gefährdeten Arten unterscheidet.

Die Reihenfolge der Betroffenheit in stehenden Gewässern, stellt sich diesen Untersuchungen zufolge so dar:

Aal, Zander, Güster, Gründling, Rotauge, Hecht, Blei, Plötze, Barsch

Im Fließgewässern:

Äsche, Bachforelle, Barbe, Nase, Hasel, Aland, Döbel, Rapfen, Plötze, Barsch

Es folgten Ergebnisse von Untersuchungen an von Kormoran genutzten Fischbeständen mit Beispielen aus Baden-Württemberg, vorgetragen von Dr. Rainer Berg, Fischereiforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg, Langenargen.

Anschließend Beispiele aus Thüringen, vorgestellt von Dipl. Fischereiring. Jens Görlach, Sachverständiger für Fischereiwesen sowie Dr. Falko Wagner, Institut für Gewässerökologie und Fischereibiologie Jena.

Danach ein Vortrag über die Kormoranpopulation in Europa und Baden-Württemberg, Entwicklung und Trends. Vorgestellt von Jan Baer, Fischereiforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg, Langenargen.

Reduktion des Brutaufkommens in Kormorankolonien durch gezielte Störungen - Ein Erfahrungsbericht aus Brandenburg von Gertfred Sohns, Vogelschutzwarte Brandenburg. Da der Referent erkrankt war, übernahm Herr Solsat vom Landesfischereiverband Baden-Württemberg in einer gekürzten Zusammenfassung diesen Part.

Einflüsse des Kormorans auf Fischbestände im südlichen Oberrhein (Restrhein) von Dr. Hanns-Johst Wetzlar, Fischereibehörde Regierungspräsidium Freiburg schlossen sich an.

Auch in diesen Beiträgen wurde übereinstimmend der Wegbruch des Mittelbaus der Fischpopulationen aus den Untersuchungen abgeleitet bzw. bestätigt. Weiter wurde bei Kontroll-Elektrobefischungen in vom Kormoran befallenen Gewässern festgestellt, dass bis zu 80 % der Fische typische Verletzungen durch diese Vögel aufwiesen, wobei ein großer Teil der verletzten Fische wohl an diesen oder den sekundären Folgen, z. B. Verpilzung, früher oder später verendet.

Kormoranpopulationsdynamik – Eingreifen, aber wie? Ein Vortrag von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Paul Müller, Universität Trier.

Im Vortrag Fischereiwirtschaftliche Schäden – nur in der Erwerbsfischerei, gehalten von Ministerialrat Manfred Braun, Bayrisches Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten, wurde aufgezeigt, dass nur Erwerbsfischer, nicht aber die Angler und / oder ihre Vereine Schäden durch Kormoraneinfälle geltend machen können. Die gegenwärtige Gesetzeslage lässt dies nicht zu.

Die Fischer leisten einen unverzichtbaren, meist ehrenamtlichen Beitrag zum Natur- und Umweltschutz. Leider denken außer ihnen nur wenige an die Fische, wenn es um den Schutz gefährdeter Tiere geht. Für einen ganzheitlichen Schutz der Lebensgemeinschaften des Wassers sind vernünftige, ausgewogene Maßnahmen erforderlich. Die ungehinderte Vermehrung und Ausbreitung der Kormorane stehen im Konflikt mit aufwändigen Schutzprojekten für gefährdete Fische.

Als Fazit kann festgestellt werden, dass sich ohne Eingriffe die Kormoranpopulation erst auf einem hohen Niveau stabilisieren wird. Bisherige Maßnahmen brachten wenig Erfolg, da dies durch Zuwanderung der Vögel vor allem aus dem nördlichen Europa und hier hauptsächlich aus Schweden, Dänemark und dem IJsselmeer in den Niederlanden mehr als kompensiert wird. Deshalb ist eine europaweite Konzertation, also Zusammenarbeit nötig.

Da dies wohl noch in weiter Zukunft liegt, sind nationale Vorstöße, Maßnahmen und Entscheidungen dringend notwendig. Restfragen können bzw. müssen später geklärt werden. Handeln ist angesagt. Jeder Einzelne, die Vereine und die Verbände sind deshalb aufgerufen, die Politik(er) unter Handlungs- und Entscheidungszwang zu setzen.

Hans Sigmund